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17.11.2019
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"Original Play" - kindeswohlgefährdend und in einigen Ländern verboten

Spätestens seit der Ausstrahlung der Sendung „Kontraste“ am 24. Oktober 2019 stehen der Verein „Original Play“ (OP) und sein Konzept in der Kritik. In Österreich und einigen deutschen Bundesländern wie Brandenburg, Berlin und Sachsen haben die Regierungen die Kindertagesstätten aufgefordert, OP nicht mehr anzubieten. Der Kinderschutzbund hat aus diesem Anlass eine Pressemitteilung herausgegeben, die Methode und Absicht von Original Play erläutert, kritisch bewertet und das Verbot befürwortet. Wie verweisen ebenfalls auf ein Interview mit Prof. K.H.Brisch zu diesem Thema.

Folgende Inhalte hatte die Sendung:

Die Sendung informierte über OP und dessen Begründer Fred Donaldson. In dem Beitrag erhoben Eltern Vorwürfe, ihre Kinder hätten von sexualisierten Übergriffen in Zusammenhang mit OP berichtet. Auch die Reaktionen der Leitungen von Kindertagesstätten wurden thematisiert. Im Kern der Berichterstattung standen Erfahrungen von Eltern aus Berliner Kitas, deren Kinder ihnen erzählt hatten, dass es während der „Spielzeiten“ zu sexuellen Übergriffen gekommen war. Ein Kind habe erzählt, der Spieler habe seine Nase in ihren Po gesteckt. Die Beschwerden der Eltern seien aber weitgehend unbeachtet geblieben und sie waren, um sich und ihre Kinder zu schützen, mit Namen und Gesicht nicht erkennbar. Auf die Vorwürfe angesprochen, brach der Begründer Fred Donaldson vor laufender Kamera in Gelächter aus. In dem Kontraste Beitrag sind viele Filmausschnitte mit Spielszenen zu sehen. Von denen finden sich auch sehr viele auf der Homepage des Vereins.

Damit stellen sich drei Fragen:

1. Was ist OP und worauf basiert diese Methode?

2. Warum wird dieses Angebot in Kitas und anderen Einrichtungen für Kinder eingesetzt?

3. Wie gelingt es, die körperlichen Bedürfnisse von Kindern nicht aus Angst vor Verdacht zu tabuisieren?

Was ist OP und worauf basiert die Methode?

Zur Selbstdarstellung Die dargestellten Informationen stammen von der Website des Vereins (https://originalplay.at/ Zugriff am 10.11.2019). Auf der Startseite erscheint der Hinweis auf die Stellungnahme zu den Vorwürfen aus der Sendung „Kontraste“. Entgegen der oben geschilderten Reaktion Donaldsons im Beitrag wird nun darauf verwiesen, dass die Vorwürfe ernst genommen würden: „Wir verurteilen jede Form von Missbrauch und Gewalt und verstehen, dass es dafür Null-Toleranz geben darf. Seien Sieversichert, dass unser erstes Interesse immer dem Schutz der Kinder gilt! Original Play ist eine Methode, die Kinder stärken soll. Auch wenn in Österreich kein Fall von Übergriffen oder Missbrauch bekannt ist, nehmen wir die aktuellen Vorwürfe und Diskussionen sehr ernst.“

Worauf bezieht sich laut Selbstauskunft das Konzept?

Es gehe auf das „ursprüngliche Spiel“ kleiner Kinder und junger Tiere zurück, weil dieses keine Regeln, keine Fehler, keinen Kampf keine Konkurrenz kenne und ein Geschenk der Schöpfung sei. Erwachsenen sei es aufgrund des Getriebes im Alltag abhandengekommen, aber das Bedürfnis nach Berührung und Verbundenheit sei geblieben. - Auffällig sind die religiöse bzw. spirituelle Sprache und die Tatsache, dass Pädagogik hier vom Erwachsenen her gedacht wird, auf dessen Verlust (von ursprünglichem Spiel) sowie dem Bedürfnis nach Berührung verwiesen wird. Folgt man dem Argumentationsgang, so geht es zunächst um einen Verlust bei Erwachsenen, der über OP wieder ausgeglichen werden könne. Die Methode zielt also nicht ausschließlich auf die Bedürfnisse der Kinder. Und sie zielt nur am Rande auf deren Befähigung, eigene Bedürfnisse zu erkennen, Grenzen zu setzen und die Erfahrung zu machen, dass diese respektiert werden. An verschiedenen Stellen werden neben Kindern und Jugendlichen Erwachsene gleichermaßen mitbenannt. Eine gerade in Hinblick auf Körperlichkeit zentrale Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen wird hier mindestens verwischt: „Im Original Play entdecken wir dieses Geschenk wieder. Original Play ermöglicht allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein liebevolles Miteinander. Es bereichert unser Leben und erweitert unsere Handlungsmöglichkeiten.“ - OP versteht sich demnach nicht als pädagogische Methode, in der Pädagoginnen und Pädagogen fachlich handeln, sondern will „das Spiel“ als für alle Altersgruppen gleichermaßen bereichernd und handlungsfördernd einsetzen. Neben der Verwischung von Grenzen sind auch die formulierten Ziele von OP entgrenzt und sie schließen wiederum alle Altersgruppen mit ein: „Original Play bietet einen Entwicklungsraum für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen [Herv. vom DKSB]: Sie lernten Möglichkeiten kennen, • mit Konflikten und Rivalität, Stress und Angst umzugehen; • Körpersignale genau wahrzunehmen, • gute von schlechten Berührungen zu unterscheiden, • ihr Selbstwert wird gestärkt. Original Play ersetzt Konflikte, Aggression und Beschuldigungen durch sichere und liebevolle Beziehungen.“ - Erwachsene in einem intensiven körperlichen Spiel mit Kindern sollten bereits vor dem Umgang mit Kindern gelernt haben, mit Stress und Rivalität umzugehen und Körpersignale wahrzunehmen. Darüber hinaus wirken die Ziele so allumfassend, dass sich die Frage stellt, ob bei ihrer Formulierung das nötige professionelle Augenmaß vorhanden ist. Denn es wird auch versprochen, dass OP Resilienz, Wohlbefinden und soziale Kompetenz fördere sowie den Kindern beim kognitiven und emotionalen Lernen helfe. Aus fachlicher Sicht stellt sich somit die Frage, auf welcher Basis (z.B. empirischen) eine solche allumfassende Zielsetzung begründet werden kann.

Die weitreichenden Ziele von Prävention gegen Gewalt, dem Erkennen von guten und schlechten Berührungen bis hin zu der Förderung kognitiven Lernens oder Resilienz wirkt unseriös. Auf der Seite des Vereins finden sich keine Hinweise auf Wirkungsanalysen bzw. Evaluationen.

Zur Vorgehensweise

Auf der Homepage wird dargelegt, wie die Erwachsenen für „Original Play“ geschult werden. Dabei zeigt sich eine strikte hierarchische Anordnung, an deren Spitze Fred Donaldson steht. Donaldson, der auch zu seiner Methode veröffentlicht hat, verweist auf seine langjährige Erfahrung im Spiel mit Kindern, Geflüchteten, Strafgefangenen sowie frei lebenden Tieren wie Wölfen. Er hat Jolanta Graczykowska „autorisiert“ OP in Europa zu koordinieren, sie sei offizielle Repräsentantin und dürfe Workshops etc. anbieten. Nur diese beiden Personen führen Fortbildungen durch, diese zielen u.a. auf Eltern, Pädagog*innen, aber auch Firmen und Interessierte. Die von ihnen ausgebildeten Apprentices oder „Lehrlinge“ bieten OP in Kindertagesstätten, Schulen, Einrichtungen für Geflüchtete etc. an. Es gibt Einführungsworkshops, Vertiefungsworkshops, praktische Übungen. Auf der Website heißt es: „Es gibt keine festgelegte Dauer für eine Lehrzeit in Original Play. Meine [Donaldsons]Lehrzeit dauerte beispielsweise über 25 Jahre. Wer eine Lehrzeit in Original Play anstrebt, muss in der Lage sein, über die gewohnten Kategorien hinaus zu denken und die Herzen derer zu berühren, mit denen man spielt. Es gibt keinen leichten Weg, dies zu erkennen. Original Play kann nicht unterrichtet, nur durch Erfahrung erlernt werden. Durch das Spielen bekommst du eine direkte Erfahrung aus erster Hand über das andere Lebewesen. Du musst die Tatsache respektieren lernen, dass du in diesem Geben und Nehmen deinen Mentor findest. Du wirst deine Stärken und Schwächen spüren. Du wirst mit deinem Geist spielen lernen, nicht mit deinem Ego.“ - Diese Beschreibung zeigt, die „Lehrlinge“ selbst bleiben in einer dauerhaften Abhängigkeit von den „Mentoren“. Die „Lehrzeit“ erhält in der Selbstbeschreibung einen mystischen Charakter. Qualifizierung für pädagogisches Handeln basiert aber aus sehr guten Gründen auf einem transparenten, möglichst an Standards orientierten Curriculum und muss nachvollziehbar sein.

Warum wird dieses Angebot in Kitas und anderen Einrichtungen für Kinder eingesetzt?

Diese Frage ist aus unserer Sicht entscheidend. Wie kommt die Leitung einer Kita im Jahr 2019 dazu, OP einzukaufen und einen zentralen Teil der frühkindlichen Pädagogik auszulagern? Körperlichkeit ist in der Erziehung ganz wesentlich und der Umgang mit Intimität sensibel zu gestalten. Warum wird das aus der Hand gegeben? - Eine Ursache, dass OP trotz der mehr als fragwürdigen Selbstdarstellung eingesetzt wird, könnte in der massiven Verunsicherung von Fachkräften liegen, wie sie mit Körperlichkeit und Berührungen im Umgang mit Kindern umgehen sollen. Darum ist diese Herausforderung offensiv anzugehen. Fachkräfte benötigen Unterstützung für ihr fachliches Handeln. Ein Baustein dafür ist die Entwicklung von Schutzkonzepten, zu der Kitas und andere Einrichtungen verpflichtet sind. Darüber hinaus benötigen Fachkräfte die Möglichkeit zur Supervision und zu kollegialer Beratung. Dafür zu sorgen, ist Aufgabe der Träger. Leitungen von Kindertagesstätten tragen Verantwortung dafür, in welchem kollegialen Klima Fachkräfte über eigene Unsicherheit sprechen und sich austauschen können. Die positive und konstruktive Bewältigung von Unsicherheit wird vermutlich nicht gelingen, indem der körperliche Umgang mit Kindern an einen Verein von außen gegeben wird. Stattdessen brauchen Kitas ein stabiles Netzwerk mit anderen Fachkräften wie Beratungsstellen. Auch dafür gilt es Ressourcen bereit zu stellen. Gemeinsam mit Eltern, Kindern und spezialisierten Fachkräften können Kitas dann auch sexualpädagogische Konzepte entwickeln.

Der Umgang mit Beschwerden von Eltern

In dem Beitrag von „Kontraste“ betonen die interviewten Eltern dass sie im Vorfeld nicht umfassend über OP informiert worden seien. Ihre Beschwerden seien von den Kitas nicht ernstgenommen worden, den Berichten der Kinder sei kein Glauben geschenkt worden. Hier ist die Politik auf Bundes-, Länder und kommunale Ebene in der Verantwortung. Träger und Kitaleitungen müssen dafür Sorge tragen, dass Eltern in einem vertrauensvollen Klima Kritik vorbringen können. Ein professionelles Beschwerde- und Konfliktmanagement, das Eltern und Kinder ernst nimmt und Konflikte nicht einfach beiseite wischt, ist essentiell für einen so sensiblen Raum wie die Kindertagesstätten.

Wie gelingt es, die körperlichen Bedürfnisse von Kindern nicht aus Angst vor Verdacht zu tabuisieren?

Jedes pädagogische Handeln sollte die Rechte, Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Zentrum haben. Dass dies bei OP der Fall ist, daran bestehen berechtigte Zweifel. Heike Klovert problematisiert in einem Kommentar auf Spiegel Online das Verbot von OP, weil Körperkontakt zum Kindergarten gehöre wie Bauklötze. Das stimmt: Körperlichkeit in der Pädagogik, vor allem in der Pädagogik der frühen Kindheit ist ein zentraler Aspekt im Alltag. Umso dringlicher ist die Beantwortung der Frage, wer dazu berechtigt ist, mit Kindern auf einer Matte herumzutollen, sie anzufassen, festzuhalten und dazu zu befähigen, eigene körperliche Bedürfnisse zu erkennen. Mit Körperlichkeit gehen Intimität, Freude, Anerkennung, Grenzen erkennen und setzen sowie gegenseitiger Respekt einher. Körperliche Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen im Spiel, bei der Pflege, wenn ein Kind Trost und Zuwendung braucht, müssen in ein pädagogisches Gesamtkonzept eingebettet sein. Erwachsene tragen die Verantwortung dafür, die Signale eines Kindes zu erkennen und Grenzen zu respektieren. Das bedeutet, sie müssen sensibilisiert sein im Umgang mit den Bedürfnissen des Kindes. In der Pädagogik wird dies als Balance zwischen Nähe und Distanz besprochen.

Zusammenfassung

Es bestehen berechtigte Zweifel, dass Original Play das angemessene Angebot ist: • Die Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen werden verwischt. • Die formulierten Ziele sind weder für Kinder noch für Fachkräfte und Eltern überprüfbar. • Die Reaktion von Fred Donaldson auf den Vorwurf sexualisierter Übergriffe in der Sendung signalisiert einen Mangel an Sensibilität und präventiver Herangehensweise. • Die Beschreibung der Auswahl und „Schulung“ der „Lehrlinge“ ist nicht transparent. • Die Organisationsstruktur wirkt hierarchisch und autoritär. • Die Zielgruppen sind sehr divers und damit stellt sich die Frage nach der Passgenauigkeit z.B. für den Einsatz in Kitas.

Quelle: Pressemitteilung Kinderschutzbund 

Zur weiteren Information zum Thema verweisen wir auf ein Interview des ORF mit Prof. Karl-Heinz Brisch