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08.02.2013
Erfahrungsbericht

Geschwisterliebe

Bericht einer Pflegemutter zur Aufnahme von Geschwistern

Themen:

„Ist es möglich, dass ich ihnen in einer Stunde die Schwester von ihrem Pflegesohn in Obhut geben kann? Ich hole sie gerade aus dem Kindergarten ab.“
Da wir das Kind schon von Besuchen und Übernachtungen kannten, mussten wir nicht lange überlegen. Ganz zuversichtlich haben wir die Aufnahme abgewickelt und den Willen geäußert, das Kind auch auf Dauer bei uns zu lassen.
Unser Pflegesohn war total glücklich, dass er seine Schwester hatte.
Dieses Glück hielt aber nicht so lange an. Als die Anpassungsphase für das Mädchen vorbei war (ging durch den vertrauten Bruder relativ schnell), entstanden immer mehr Differenzen zwischen den Kindern.
Zur Erklärung muss man wissen, dass der Junge von seiner Mutter schwer misshandelt wurde, er war der „Sündenbock“ der gesamten Familie und entwickelte dadurch eine Aggressivität, die er bis zu
diesem Moment nicht ablegen konnte.
Seine Schwester dagegen wurde von der Mutter wie eine Prinzessin behandelt, aber der damalige Lebensgefährte übte körperliche Gewalt auf das Mädchen aus.
Nach und nach fielen Sätze wie: „Die Mutti hat ja immer gesagt, du hast kein Hirn im Kopf“ oder „Schade, dass sie dich nicht tot geschlagen haben“. Die Schwester hat unseren Pflegesohn täglich so unter Druck gesetzt und ihn verbal so stark attackiert, dass er sich total in die Enge getrieben fühlte.
Wir als Pflegeeltern waren total erschrocken, überfordert und natürlich ängstlich. Wir haben ständig versucht beide Kinder zum gemeinsamen Spielen zu bewegen, wir haben ganz viel unternommen, um
Ablenkung zu schaffen, aber nichts half.
Unser Pflegesohn hatte durch die massive Traumatisierung der leiblichen Mutter und die Trennung von zu Hause, extreme Probleme. Es hat lange gedauert, dass er überhaupt ein gewisses Vertrauen aufbauen konnte. Er fiel in das alte Muster zurück und entwickelte eine extreme Abneigung der
Schwester gegenüber.
Man konnte sagen – sie konnten nicht miteinander – aber auch nicht ohne
Nach und nach kamen auch Handlungen der Kinder hinzu, bei denen sie sich, in Folge von Streitereien, in extreme Gefahr gebracht haben.
Wir konnten diese Verantwortung nicht mehr übernehmen und entschlossen uns, schweren Herzens, das Pflegeverhältnis mit der Schwester zu beenden.
Es vergingen einige Jahre. Der Wunsch nach einem weiteren Pflegekind war da, aber die Angst und die Erlebnisse noch sehr präsent. Unser Sohn vereinnahmte uns sehr und wir hatten immer das Gefühl, dass er mit anderen Kindern aufwachsen sollte.
Nach und nach sprach auch unser Pflegesohn von Kindern, mit denen er spielen konnte. Wir bewarben uns in unserem Jugendamt, aber waren erfolglos, wurden hingehalten.
Wir denken, die Abgabe eines Kindes schwingt immer bei so einer Entscheidung mit.
Nach einiger Zeit, unser Sohn hatte sich in die Schule eingewöhnt
(Ende der 2. Klasse) haben wir nochmals einen Versuch in einem anderen Jugendamt gestartet.

Ein weiterer Versuch

Es dauerte überhaupt nicht lange und wir erhielten einen Anruf zu einem Gespräch. Mit gemischten Gefühlen reisten wir an. Wir waren über die Offenheit, die fachliche Kompetenz und die Herzlichkeit der beteiligten Sachbearbeiter sehr überrascht und auch freudig angetan.
Nach einem Besuch der Sachbearbeiter bei uns zu Hause und mehreren gemeinsamen Gesprächen hatten wir uns entschlossen den kleinen Jungen (damals 2,5 Jahre) im Kinderheim zu besuchen.
Das einzige Problem, was uns sehr bewegte, war, dass er noch einen Bruder (1,5 Jahre) hatte. Sie wollten die Kinder eigentlich gemeinsam vermitteln, wir sollten aber selbst entscheiden.
Wir fuhren mit gemischten Gefühlen in das Heim und beobachteten die Kinder sehr genau. Viele Pflegeeltern können sich jetzt denken, wie man von Gefühlen übermannt wird, wenn noch so ein kleiner Knirps da ist und dem Bruder hinterher robbt. Wenn beide Kinder schon nach dem zweiten
Besuch Mama und Papa sagen und die Ärmchen ausstrecken, wenn man nur das Zimmer betritt.
Wir versuchten die Situation realistisch einzuschätzen und wollten den Verstand sprechen lassen.
Nach vielen zusätzlichen Gesprächen mit dem abgebenden Jugendamt, besuchten wir die Kinder in immer geringer werdenden Abständen. Wir nahmen sie auch über Nacht mit nach Hause. Das ist keine
reale Einschätzung, dass wussten wir auch, aber man konnte die Kinder mal außerhalb des Heimes beobachten. Sich irgendwie freier bewegen.
Schnell haben wir erkannt, dass man diese Geschwister nicht auseinander nehmen konnte. Wenn sie sich fürchteten umarmten sie sich sehr intensiv, gingen nie alleine, der „Große“ versorgte den „Kleinen“ und sie hatten eine ganz eigene Sprache entwickelt. Man merkte deutlich, dass sie das Erlebte unheimlich zusammengeschweißt hat.

Wir nehmen die zwei Brüder auf

Nach einiger Zeit der Besuche im Heim und nach endlosen Diskussionen in der Familie, entschlossen wir uns, beiden Kindern bei uns ein Zuhause zu geben. Wir können nicht sagen was es war. Es war einfach eine Bauchentscheidung. Wir hatten bei dem Umgang der Beiden ein ganz positives Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit. Wir hatten auch ein sehr gutes Gefühl für die Betreuung durch das vermittelnde Jugendamt. Sie hatten uns jegliche Hilfe zugesagt und auch im Nachhinein gehalten.
Am Anfang war bei uns der Ausnahmezustand ausgebrochen.
Beide Kinder waren sehr in der Entwicklung zurück, beide Kinder waren noch nicht sauber und durch ihre eigene Sprache, konnten wir schlecht erkennen, was sie wollten. Sie haben immer wieder gegenseitig Schutz gesucht, haben sich gegenseitig getröstet und man konnte ganz deutlich erkennen, dass sie froh waren nicht getrennt zu leben.
Sie haben nur langsam gelernt sich auf uns zu verlassen, der „Kleine“ will jetzt nicht mehr vom „Großen“ versorgt werden und sie sagen uns täglich, dass sie uns sehr lieben. Das Vertrauen zu uns, musste sich der „Große“ sehr hart erarbeiten und testet uns immer noch in jeder Lebenslage.
Heute sind wir froh, dass wir uns so durchgebissen haben.
Unsere 3 Jungs sind tolle (Pflege-) Geschwister geworden. Sie streiten sich, lernen voneinander, geben sich gegenseitig Halt. Unser „Ganz Großer“, jetzt 14 Jahre, (Entwicklungsstand ca. 9 – 10 Jahre) lässt nichts auf seine kleinen (Pflege-) Geschwister, jetzt 7 und 8 Jahre, kommen. Er hat kein Konkurrenzdenken, weil der Altersunterschied doch sehr groß ist. Er hat sein Sozialverhalten positiv verändern können und hat gelernt, dass er auch Verantwortung übernehmen muss und auch möchte.
Die Aufnahme der Kinder ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn. Das hat aber liebevolle, konsequente und Grenzen setzende Arbeit bedeutet. Wir haben alle gegenseitigen Respekt und gegenseitige Akzeptanz lernen müssen.
Unsere Erfahrungen sind, dass man nicht pauschal sagen kann, ob man Geschwister in eine Familie aufnehmen kann oder nicht. Hier spielt auf jeden Fall die Vergangenheit der Kinder eine große Rolle. Welche Erlebnisse teilen sie, welches Verhältnis haben sie untereinander und ganz wichtig – kann man das als aufnehmende Familie leisten?

WO SIND MEINE GRENZEN ???

Die leibliche Schwester unseres Pflegesohnes fragt zwar immer noch, warum sie damals nicht bleiben konnte, aber wir denken, sie ist in dem Alter (jetzt 13 Jahre) in dem wir ihr das sehr gut erklären konnten.
Sie fühlt sich in ihrer jetzigen Pflegefamilie, die damals in Ruhe gesucht wurde, wohl.
Ein großes Problem wäre aus heutiger Sicht auf uns zugekommen, denn die Schwester will die leibliche Mutter sehen. Unser Sohn lehnt aber jeglichen Kontakt ohne Kompromisse ab. Er wird schon wütend, wenn man nur den Namen erwähnt. Wie hätten wir das geregelt? Wie hätte unser Sohn nach der Besuchszeit auf Erzählungen reagiert? Diese Fragen gehen uns immer mal wieder durch den Kopf.
Wir haben jetzt ein gutes Verhältnis aufgebaut und durch die räumliche Trennung ist auch das Schwester – Bruder - Verhältnis wieder besser geworden. Unser Sohn sagt immer: „Jetzt hat jeder seinen Schutzbereich und wir können uns aus dem Weg gehen“. Das tun sie auch leider im Moment wieder.
E.M. Pflegemutter